2. Chance für ehemalige Förderschüler?

Erfolg und Misserfolg des Übergangsystems der BKs

Das Thema Inklusion in der Schule ist allgegenwärtig. Im Jahr 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Nach Artikel 24 sollen „Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben.“ Obwohl die Konvention die Berufsausbildung also explizit mit einschließt, konzentriert sich die öffentliche Debatte bislang vorrangig auf die Umsetzung der Inklusion in den allgemeinbildenden Schulen.

Wenn man die Umsetzung der Menschenrechtskonvention konsequent weiterdenkt, dann müssen nach Schulabschlüssen auch berufliche Ausbildungsangebote folgen. Damit sollte das Thema langsam auch das duale System der Berufsausbildung und damit die Ausbildungsbetriebe und Berufskollegs im Land erreicht haben.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Inklusion findet in der Beruflichen Bildung zurzeit nur auf dem Papier statt, wenn man von ein paar Fachtagungen absieht.

Dabei klopfen jetzt schon Jugendliche mit besonderen Förderbedarfen nach ihrer Schulzeit an die Türen der Berufskollegs und der Betriebe. Die meisten verlassen die Kollegs nach einem Jahr wieder ohne Erfolg und reihen sich ein in die vielen Schulabgänger mit Förderbedarf und ohne berufliche Perspektive.

Von den jährlich rund 50.000 Schulabgängern mit sonderpädagogischem Förderbedarf fanden 2013 bundesweit nur etwa 3.500 einen betrieblichen Ausbildungsplatz, so die Bertelsmann-Stiftung (PM 10.6.2014)

„Jugendliche mit Behinderung brauchen nach der Schule eine Perspektive und bessere Chancen auf einen Berufseinstieg", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Seine Mahnungen erscheinen berechtigt. Neue Daten von it.nrw zu den Schulabgängern der Berufskollegs in OWL zeigen den dringenden bildungspolitischen Handlungsbedarf.

Für Schüler mit besonderen Förderbedarf die die allgemeinbildenden Schulen vorzeitig oder die Förderschulen ohne Hauptschulabschluss verlassen, stellt das Übergangssystem der Berufskollegs in der Region oftmals die letzte Chance für eine Schulabschluss dar. Mehr als die Hälfte der Schulabgänger verlassen das Übergangssystem der Berufskollegs aber ohne Abschluss: 2013 haben von den 4244 Schulabgängern des Übergangssystems der Berufskollegs in OWL 2400 dieses ohne Abschluss verlassen (56,55%). 2012 waren es 52,31%. Berücksichtigt wurden hier die Abgänger der Bildungsgänge „Berufsorientierungsjahr“, „Berufsgrundschuljahr“ und Klassen für Schüler ohne Ausbildungsvertrag (KSOB).

Die Daten für NRW und die Kreise in der Region OWL finden Sie hier...

Eigentlich müssten auch die Abgänger aus den Berufsfachschulen auch noch zum Übergangssystem der BKs hinzugerechnet werden, weil viele diese Schulformen besuchen, da sie keinen Ausbildungsplatz erhalten haben.

2013 haben von den 6381 Schulabgängern der Berufsfachschulen in OWL „nur“ 2210 dieses ohne Abschluss verlassen (34,63%). Da Berufsfachschulen für Schüler mit besonderen Förderbedarf i.d.R. nicht besucht werden, weil mind. ein Hauptschulabschluss vorhanden sein muss, haben die Daten im Hinblick auf die Bewertung von Inklusions- oder Integrationsleistungen kaum keine Bedeutung.

Zudem reicht die Spannweite der Abschlüsse, die an Berufsfachschulen erreicht werden können, vom Realschulabschluss (FOR) bis hin zum "Fach-Abi" (FHR) mit abgeschlossener Berufsausbildung nach Landesrecht (z.B. Assistenten-Ausbildungsgänge). Mit den Abgängern der Berufsfachulen lässt sich jede Bilanz insgesamt „schönrechnen“. Aus einer "Warteschleife" wird dann ruck-zuck eine "Qualifizierungsschleife".
Aus diesem Grund wurden für den Abgangsjahrgang 2013 ermals die Berufsfachschulabgänger nur nachrichtlich erfasst. Dadurch wird erst Blick auf die eigentlicher Problembereiche des Übergangssystems der Berufskollegs möglich: Berufsorientierungsjahr, Berufsgrundschuljahr und KSOB-Klassen für Schüler ohne Ausbildungsvertrag.

Die Auswertungen für NRW 2013 finden Sie hier... ,für die Region OWL hier...

Die Daten von it.nrw geben erstmals auch Aufschluss darüber wie viele Abgänger an den Berufskollegs in den sog. KSOB-Klassen einen Hauptschulabschluss nach Klasse 9 erworben haben, -auch ein Merkmal für gelungene Inklusion. 2013 haben in OWL gerade mal 5,94% der Absolventen einen frischen Hauptschulabschluss erworben. Hier gibt es allerdings gravierende regionale Unterschiede. Während im Kreis Lippe immerhin 17,68% der Absolventen einen Hauptschulabschluss erworben haben, hat dies im Kreis Herford überhaupt keiner. (Paderborn 4,65%; Minden-Lübbecke 2,53%; Höxter 2,65%; Gütersloh 7,67%; Bielefeld 5,76%).

Wenn 2400 Abgänger des Übergangssystems der Berufskollegs in OWL kein Abschlusszeugnis erhalten, dann war für sie der Besuch des Berufskollegs nicht mehr als eine sinnlose „Warteschleifen“. Auch hier lohnt es sich näher hinzuschauen.

Am höchsten liegt die Misserfolgsquote bei den Klassen ohne Ausbildungsvertrag (KSOB). Von den 2392 Absolventen haben 2013 1545 keinen Abschluss erhalten (64,59%).

Erfolg und Misserfolg unterliegt starken regionalen Schwankungen, die kritisch zu hinterfragen sind. Warum erreichen an den Berufskollegs im Kreis Minden-Lübbecke nur rd. 40% der Abgänger der KSOB-Klassen keinen Abschluss, während es und im Kreis Gütersloh 87% sind? (Lippe 72%; Bielefeld 69%; Herford 58%; Paderborn 67%)

Wenn man davon ausgeht, dass die Kompetenz der Schüler über die Kreise relativ gleich verteilt ist, dann weisen die regionalen Unterschiede auch auf unterschiedliche Inklusions- bzw. Integrationsleistungen der Berufskollegs hin.

Diese könnte u.a. durch eine Benachteiligung „unterer Bildungsgänge“ bei der Unterrichtsversorgung verursacht sein. Darauf deutet die vom Schulministerium im Auftrag gegebene SOFI-Studie hin:

Gerade im gewerblich-technischen Bereich führt die starke Zersplitterung der Ausbildungsberufe zu einem Defizit an Unterrichtsstunden, die zumeist im Bereich der Berufsvorbereitung aufgefangen wird, mit der Folge, „dass kollegintern Kürzungen leicht die Ausbildungsvorbereitung als dem „schwächsten Glied in der Kette treffen“ und „dann kriegen die zu wenig Unterricht“, so wird ein Schulleiter in der Studie zitiert.

Die Probleme der Unterrichtsversorgung wurden im Rahmen der SOFI-Studie in den Gesprächen mit den Schulleitungen sowie in den Fokusgruppen mit Lehr- und Betreuungskräften angesprochen. Deutlich wurde: Die Unterrichtsversorgung beeinträchtigt offensichtlich den Unterricht in den Klassen des Übergangssystem an den Berufskollegs im Land. Exakte Ausfallstundenzahlen werden allerdings im Rahmen der SOFI-Studie nicht erhoben, obwohl die Daten sicher einen hohen Erklärungswert gehabt hätten.

Die aktuelle Abgängerstatistik von it.nrw bestärken den vermuteten Zusammenhang zwischen Unterrichtsversorgung und dem Erfolg bzw. Misserfolg des Übergangssystem an den Berufkollegs. Für den Abgängerjahrgang 2013 wurde, wie schon gesagt, erstmals ausgewertet wieviele Abgänger der relevanten Klassen des Übergangssystems (KSOB) diese mit einem "frisch"-erworbenen Hauptschulabschluss verlassen (HSA-Quote in %).
Neben der insgesamt niedrigen Quote von 5,94% fallen die deutlichen regionalen Unterschiede auf.
Die Tatsache, dass im Kreis Herford 2013 in den KSOB-Klassen niemand einen Hauptschulaschluss erreicht hat, legt die Vermutung nahe, dass in diesen Klassen überhaupt niemand einen Hauptschulabschluss erreichen konnte, weil nicht genug Unterrichtsstunden erteilt wurden.
Leider nur eine Schlussfolgerung, zu der es keine weiteren belastbaren Daten vorliegen.