Kritik

Ergebnisse der Diskussion

Die Veröffentlichung des Lernatlasses hat zu einer intensiven Diskussion nicht nur in der Fachöffentlichkeit geführt. Am 21.3.2012 hat die Bertelsmann-Stiftung einen Expertenworkshop veranstaltet, mit dem Ziel Kritikpunkte zu erörtern und Beiträge zur Weiterentwicklung der Instrumentarien und Initiativen zum Thema Lebenslanges Lernen (LLL) zu entwickeln. Im Folgenden werden (mit freundlicher Genehmigung der Bertelsmann-Stiftung) wesentliche Ergebnisse der Diskussionen wiedergegeben.

Expertenworkshop 21.3.2012

Referent/-in Thema Stichworte und PPT-Folien
Dr. Jörg Dräger, Bertelmann-Stiftung „Früher, länger, anders, mehr“ – Wie etablieren wir eine Kultur des lebenslangen Lernens? Botschaften des DLA, mediale Wahrnehmung, Kritikpunkte, strategische Perspektiven. Die Folien zum Vortrag finden Sie hier...

Unterschiedliche politische Ebenen

Fragestellung für Themenblock I:
Wie setzen wir lebenslanges Lernen nachhaltig auf die politische Agenda?
- Welche Instrumente und Initiativen stehen zur Verfügung?
- Welchen Beitrag zur Sensibilisierung, zum Monitoring und zur politischen Steuerung können
diese Instrumente leisten?

Diskussionsergebnisse:
Lebenslanges Lernen kann auf unterschiedlichen politischen Ebenen auf die Agenda gesetzt werden. Monitoring-Instrumente für Lern- und Bildungsindikatoren entfalten vor allem auf kommunaler Ebene eine große Wirksamkeit, da sie dort Hinweise auf die unterschiedlichen Problemlagen liefern können. Dort können sie auch dazu beitragen, Menschen und Institutionen für Bildungsfragen zu aktivieren und dienen – wenn zudem eine Indikatorik auf sozialräumlicher Ebene möglich ist - als Instrument für eine bessere Steuerung von Ressourcen für Lernen und Bildung. Auf der kommunalen Ebene besteht aber das generelle Problem, dass die Steuerung von Ressourcen für Bildung außerhalb des Kompetenz- und Entscheidungsbereichs kommunalpolitisch verantwortlicher Akteure liegt.
Lebensdlanges Lernen muss auch auf der landes- und bundespolitischen Agenda stehen, damit die (Mit-)Finanzierung regionaler / lokaler Maßnahmen/Instrumente durch Bund und/oder Länder ermöglicht wird bzw. überhaupt eine Handlungsnotwendigkeit erkannt wird.
Jenseits der genannten Ebenen ist eine verstärkte Aufmerksamkeit auch dem Lernen im Unternehmen bzw. dem berufsbegleitenden Lernen zu widmen – das gilt auch für die vielfältigen Formen des informellen Lernens. Die unzureichende Organisation von politischer „Verantwortung“ für die Weiterbildung korrespondiert mit sehr heterogenen/fragmentierten Strukturen auf dem „Weiterbildungsmarkt“.

Ist ein Ranking des Regionen hilfreich?

Der Lernatlas ordnet alle Regionen sechs Regionstypen zu. Dadurch ist ein Datenabgleich z.B. zwischen einer Großstadt und einem Landkreis nicht möglich. Dennoch wurden die Ergebnisse des DLA in der Öffentlichkeit vor allem als Ranking der Regionen wahrgenommen worden. Damit wurde eine große mediale Aufmerksamkeit für das Thema lebenslanges Lernen und eine ganzheitliche Sichtweise erzeugt. Kritsch hinterfragt wurde jedoch, ob diese mediale Aufmerksamkeit nicht lediglich eine „Strohfeuer-Wirkung“ hat. Skeptisch wurde die längerfristige Wirkung von Rankings mit Blick auf die Akzeptanz bei Entscheidungsträgern und damit auf die Beeinflussung politischer Entscheidungsprozesse beurteilt. Dem wurde wiederum entgegengehalten, dass es generell nur wenigen Bildungsstudien überhaupt gelungen ist, politisches Handeln wirksam zu beeinflussen.

Begründungszusammenhänge

Die Frage des geeigneten Begründungszusammenhangs für LLL wurde angesprochen: Die
große Bedeutung des lebenslangen Lernens lässt sich in der Öffentlichkeit mit dem Hinweis
auf den Fachkräftemangel begründen bzw. wirkungsvoll in den Kontext des Themas
Fachkräftesicherung stellen: Denn eine große Herausforderung für das deutsche
Beschäftigungssystem besteht darin, gesellschaftlich marginalisierte bzw. am Arbeitsmarkt
benachteiligte Gruppen (wenig oder unzureichend qualifizierte Menschen mit
Migrationshintergrund / Ältere / Zeitarbeiter / längere Zeit berufliche Inaktive und Arbeitslose)
für das lebenslange Lernen zu aktivieren. Mehr Lernen und im Ergebnis eine bessere bzw.
passgenaue Qualifizierung würde deren Chance auf eine (Re-)integration in den Arbeitsmarkt
steigern, was zugleich einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung des Fachkräftemangels
darstellt. Deshalb empfiehlt es sich, den Begriff des Bildungszugangs bzw. der Chance auf
einen beruflichen Aufstieg
bei der Argumentation für LLL zu nutzen.

Für den einzelnen Bürger ist eine gesamtwirtschaftliche Begründung der Notwendigkeit des
LLL keine Motivation – denn für ihn ist das lebenslange Lernen wie eine Androhung
angesichts negativer Erfahrungen in der eigenen Bildungsbiographie. Darum ist das Lernen in
geeigneter Weise auf eine lebensweltliche Agenda zu setzen. Der einzelne Mensch und
seine Motivation zu lernen bzw. seine Lernhemmungen und -hindernisse sind in den Blick zu
nehmen. Eine dauerhafte bzw. effektive Wirkung in Bezug auf mehr Lernaktivitäten im
Erwachsenenalter kann nur erreicht werden, wenn die Notwendigkeit für eigene Lernanstrengungen erkannt bzw. Motivation und Freude am Lernen beim Einzelnen geweckt
werden. Dazu ist es vorteilhaft, Themen wie Sport und gesellschaftliches Engagement als
Formen des Lernens zu adressieren.

Vor dem Hintergrund dieser Punkte sind die bestehenden und zukünftig zu entwickelnden
BST-Instrumente einzuordnen und in ihrer Wirkung mit Blick auf Sensibilisierung, Monitoring
und Steuerung zu adjustieren und besser zu vernetzen.

Weiterentwicklung des DLA

Fragestellung für Themenblock II:
Wie kann der Deutsche Lernatlas weiterentwickelt werden, um Transparenz im Bereich des lebenslangen Lernens zu fördern und Akteure für das Thema zu sensibilisieren?
- In welchen Lernbereichen brauchen wir bessere regionale Daten?
- Wie können diese Daten erfasst oder generiert werden?
- Welche weiteren Lernbereiche sollten in Zukunft stärker beleuchtet werden?

Diskussionsergebnisse:

Das Herunterbrechen von bundeslandbezogenen Daten auf Kreisebene im Falle der
Schülerkompetenzmessungen wird den realen lokalen Verhältnissen nicht gerecht. Vor allem
Rankings von Städten auf der Grundlage herunter gebrochener Daten sind zu vermeiden.

In der Datenbasis sollte das Nutzungsverhalten in den Vordergrund gestellt und gleichzeitig
der Wohnortbezug gestärkt werden: Daten zur Nutzung und Lernen am Wohnort sollen
anstelle von Infrastrukturdaten verwendet werden, um systematische Verzerrungen durch
Bildungswanderung (z.B. Kulturtourismus) zu vermeiden.

Rankings können sich im Bildungsbereich kontraproduktiv auswirken, da sie zu vereinfachter Rezeption verleiten, aber nicht nachhaltig sind. Es ist zu überlegen, anstelle des Rankings der Kreise und kreisfreien Städte eine alternative (z.B. gruppierende) Darstellung der
Ergebnisse zu verwenden.

Die Zusammensetzung des Indikatorensets und der Kennzahlen ist für Außenstehende
schwer nachvollziehbar.

Die Gewichtung der Kennzahlen durch den Sozial- und Humankapitalfaktor ist methodisch problematisch. Es besteht die Gefahr, dass im Index nicht die Bildungsverhältnisse gemessen werden, sondern die soziale und wirtschaftliche Lage einer Region anhand von Bildungskennzahlen abgebildet wird.

Die Chancen, die Datengrundlage in den Lerndimensionen Persönliches, Soziales und
Berufliches Lernen zu verbessern, sind insgesamt positiv zu bewerten. In der Dimension
Schulisches Lernen ist aufgrund der Intransparenz von Daten zu Schülerkompetenzen eine Weiterentwicklung schwierig. Bundeslanddaten sollten nicht mehr in herunter gebrochener
Form verwendet werden.

Es sollten Datensätzen Verwendung finden, die regelmäßig erhoben werden, um den
Deutschen Lernatlas fortschreiben zu können.

Durch Berücksichtigung von Daten zur demografischen Ausgangslage von Kommunen
könnten unterschiedliche regionale Altersstrukturen berücksichtigt werden, z.B. in Form von
altersgruppenspezifischen Kennzahlen zur Mediennutzung oder Engagement.

Soziale Normierung des Deutschen Lernatlas: Die Lernausgangslage einzelner Kommunen
könnte berücksichtigt werden, um Kommunen mit schwächerer wirtschaftlicher und sozialer
Ausgangslage nicht zu benachteiligen.

Wie sieht eine optimale regionale Abgrenzung zur Darstellung der Indexergebnisse aus –
insbesondere um Effekte durch Bildungspendlerströme berücksichtigen zu können?
Denkbar wäre z.B. eine räumliche Abgrenzung auf der Ebene der regionalen Bezirke der
Agenturen für Arbeit oder der Raumordungsregionen anstatt auf der Kreisebene.

Die Gewichtung der Kennzahlen mit dem Sozial- und Humankapitalfaktor ist unter den Fachleuten strittig. Eine wichtige ungeklärte Frage: Wie soll mit dem Problem der zeitlichen Verzögerung zwischen Bildungsinvestition und Sozial-/Humankapital umgegangen werden?

Die Verwendung von Zeitreihen im DLA ist nicht empfehlenswert, da schwer handhabbar.
Stattdessen wäre es besser, Datensätze zu kumulieren und mehrere Jahre zusammenzufassen, um Ausreißer zu neutralisieren.

Welche zusätzlichen Schritte?

Fragestellung für Themenblock III:
Welche zusätzlichen Schritte (Studien, Instrumente, Initiativen) würden helfen, das Thema
lebenslanges Lernen weiter voranzubringen? In welchen Feldern besteht besonderer Handlungsbedarf?

Diskussionsergebnisse:

Argumentations-/Kommunikationsansätze sollten auf Wettbewerbsfähigkeit der ganzen
Gesellschaft und die individuelle Beschäftigungsfähigkeit abheben:
o Deutschland kann nur unter Ausschöpfung seiner brachliegenden Ressourcen
wettbewerbsfähig bleiben -> Fokus: Ältere, Migranten, Un- und Angelernte, etc.
o Handlungsbedarf wird deutlich, wenn dargestellt wird, dass persönliche Risiken größer
werden (Veränderung der Partnerschaften/Familienstrukturen, Arbeitsbiografie).

Nicht nur Drohung mit ökonomischem Druck, kulturellen/persönlichen Wert von Lernen
gilt es zu betonen, um eine Kultur des LLL auf individueller Ebene zu verankern.

Allgemein: Es sollten Nutzen und positive Werte entwickelt werden, die das LLL befördern.
o Diese Werte sollen über Medien und über die Schule vermittelt werden (eine
Imagekampagne könnte stereotypen Vorbehalten gegenüber dem Lernen in bestimmten
Gruppen entgegenwirken).
o Ziel wäre es, eine Anerkennungskultur des LLL zu schaffen (im beruflich sowie im
nichtberuflichen Kontext), um „Problemgruppen“ zum lebenslangen Lernen zu motivieren,
Hemmschwellen abzubauen und dem Einzelnen eine langfristige Perspektive zu eröffnen.

Transparenz von Kompetenzen ist wichtig, auch für deren mögliche Anerkennung.

Berufliches Lernen: Einbeziehung und Verpflichtung der Tarifpartner zum LLL wäre
wünschenswert (Stichwort: „Weiterbildungspakt“). Ein „Weiterbildungsfonds“ könnte der
Finanzierung von Weiterbildungsmaßnahmen dienen.
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Quelle:
Blinn, M./Gerlach, D./Schleiter, A: Expertenworkshop Lebenslanges Lernen. 21.3.2012. Protokoll.
uv. Ms. Gütersloh 2012