Kreis Lippe

Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2012

Warum ist Lippe Schlusslicht?

Eingeladen vom Lippischen Heimatbund versuchte versuchte Frank Frick von der Bertelsmann-Stiftung am 22.2.2012 diese Frage im Kreishaus zu beantworten. Nach der öffentlich zur Schau gestellten Empörung über die Ergebnisse im Rahmen einer Bildungsauschuss-Sitzung am 19.12.2011 (s.u.), gab es erstmalig die Gelegenheit konkrete Fragen zu stellen und Einzelergebnisse zu diskutieren.

Die Folien zum Vortrag von Herrn Frick finden Sie hier... [1.234 KB] (mit freundlicher Genehmigung durch die Bertelmann-Stiftung)

Selbstzufriedenheit und Empörung

Die Lernatlas-Autoren haben sich am 19.12.2011 ihren Kritikern gestellt und man hat ständig aneinander vorbei argumentiert.

Die Inszenierung war sorgsam vorbereitet. Der Landrat Friedel Heuwinkel (CDU) und der Ausschussvorsitzende Wilhelm Nagel (SPD) betreten mit der Roten Laterne in der Hand den Kreistagssitzungssaal. Am Ende der Veranstaltung wurde die Rote Laterne symbolträchtig ausgepustet.

Dazwischen lagen 2 Stunden öffentlich zur Schau gestellter Empörung vermischt mit inszenierter Selbstzufriedenheit auf der einen Seite und methodische Rechtfertigungsversuche eines Rankings mit zahlreichen Schwächen und Unschärfen auf der anderen Seite. Über Ursachen für das schlechte Abschneiden oder gar Lösungen wurde nicht geredet.

Der Moderator von Radio Lippe war sichtlich überfordert die Argumentationsstränge zu verbinden. Die Autoren des Lernatlasses verteidigten die Indikatoren für ein Ranking auf der Grundlage anerkannter UNESCO-Konzept, die in Kanada erprobt wurden. Man könne nur das vergleichen was vergleichbar sei. Zudem müssten Daten in mind. 79% der Kreise verfügbar sein. Ein Ergebnis der immer wieder beklagten mangelnden Transparenz von Bildungsaktivitäten in den Regionen.

Die Kritiker werfen den Autoren methodische Unzulänglichkeiten vor und halten mit einer lange Liste von Aktivitäten und Projekten „entlang der Bildungskette“ dagegen.

Spätestens hier hätte die Frage in den Raum gestellt werden müssen: Welche konkreten messbaren Auswirkungen haben diese Aktivitäten eigentlich gehabt? Oder noch einen Schritt zurück: Welche Ziele der regionale Aktivitäten sind überhaupt konkret und messbar?

Die Selbstzufriedenheit der regionalen Akteure wurde ständig mit „gefühlten Erfolgen“ belegt. Diese entziehen sich jedoch von Prinzip her einer Vergleichbarkeit, es sei denn man vergleicht regionale Hofberichterstattungen.

Der Hinweis von Prof. Weishaupt auf die sozial-ökonomische Dimension des Lernens vor Ort blieb so im Raum stehen, obwohl hier möglicherweise ein wichtiger Erklärungsschlüssel für das schlechte Abschneiden liegt.

Lippe ist nicht nur Land des Hermanns, sondern auch Land der Leiharbeit mit vielen atypischen Jobs (Minijobber, Teilzeitarbeit). Vielleicht kann sich ein Großteil der Eltern nicht den Nachhilfeunterricht für ihre Kinder leisten, der notwendig ist, um einen höheren Abschluss zu schaffen. Das erklärt wiederum die realtiv geringe Quote höherer Abschlüsse.

Die Kritik von Prof. Weishaupt, dass lediglich 18 der 38 einbezogenen Kennzahlen auf Kreisebene vorliegen würden, ist bezogen auf den Kreis Lippe nicht ganz richtig. Der Kreis Lippe ist Flächengleich mit dem Arbeitsagenturbezirk Detmold. Dadurch sind sind es 19 kreisbezoge Kennzahlen. Zur Beurteilung ist aber nicht die absolute Zahl der Kennzahlen, sondern ihre Gewichtung mitzuberücksichtigen. Für den Bereich des Beruflichen Lernens gibt es somit für 65,4% der gewichteten Dimension kreisspezifische Daten. Die Ergebnisse sind damit, zumindest für den Bereich des Beruflichen Lernens, repräsentativ für den Kreis Lippe.

Anspruch und Wirklichkeit

Hat man nicht alles getan, um den Landkreis als Bildungsregion darzustellen? In "kommunal-staatlicher Verantwortung" wurde das "Lernen vor Ort" neu entdeckt. Regionale Bildungsbüros, Bildungsgenossenschaften, Kompetenzagenturen, Koordinierungsstellen, Arbeitskreise wurden geschaffen, um zu "entwickeln", "in den Blick zu nehmen", "besser zu verzahnen", "passgenau abzustimmen", "moderieren" u.s.w., u.s.w.. Ein zahnloser Tiger nach dem anderen wurde geboren, um wiederum neue Arbeitskreise, Veranstaltungen und unzählige Projekte "entlang der Bildungskette" auf den Weg zu bringen, mit noch mehr Planstellen und damit verbundenen neuen Zuständigkeiten. Und was hat es gebracht, außer Flyern, Hochglanzbröschüren, salbungsvollen Absichtserklärungen und noch mehr Bildungsbürokratie? Die eigentlichen betroffenen Schülerinnen und Schüler, auch als Bewerber um Ausbildungsstellen, hatten und haben von diesem regionalen Aktionismus relativ wenig.
"Wir arbeiten in den Bildungsregionen prozessorientiert! Der Weg ist das Ziel!" so lautet die Druchhalte-Parole der Bildungsbürokraten. Aber ist nicht ohne konkretes, messbares, terminiertes Ziel jeder Weg der richtige?
Ausgerechnet die Kreise in OWL, die sich die Kommunalisierung der Bildungsverantwortung als erstes auf die Fahnen geschrieben haben, die Kreise Herford und Lippe, schneiden im Ranking der Regionen besonders schlecht ab: Herford Platz 140 und Lippe 144 (Schlusslicht).
Der Grund für eine Empörung ist jedoch nicht dieses Ergebnis, sondern die Tatsache, dass diese Erkenntnisse nicht neu sind. Die regionale Berichterstattung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Arbeitsagenturen belegen in den letzten Jahren immer wieder, dass die benannten OWL-Kreise am Tabellenende der Beruflichen Bildung rangieren.

Relativ unauffällig und ganz nebenbei macht der Lernatlas eine Kernaussage, die den Bildungsbürokraten vor Ort nicht gefallen wird:
Die meisten im Lernatlas thematisierten Aspekte des Lernens liegen "außerhalb des Kompetenz- und Entscheidungsbereichs kommunal verantwortlicher Akteure". (Zusammenfassung S. 13)

Die Einzelergebnisse der Kreise in OWL finden Sie hier...

Kritik

Stellungnahme des Konsortiums "Kommunales Bildungsmonitoring" im BMBF-Programm "Lernen vor Ort" zum aktuell veröffentlichten Lernatlas der Bertelsmann Stiftung: Externer Link ohne jegliche Gewährleistung oder Haftung hier...

Ein Interview mit Horst Weishaupt, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF): Externer Link ohne jegliche Gewährleistung oder Haftung hier...

Eine kritische Stellungnahme zur Studie und ihrer "Vermarktung" finden Sie hier...

Wir werden demnächst für alle Argumente der Kritiker des Lernatlasses ein Faktencheck durchführen!

Eine erste Bewertung

Viele Erkenntnisse sind nicht neu. Wir haben immer wieder auf die Probleme dieser Region im Bereich der Beruflichen Qualifizierung hingewiesen.
Die Datenbasis ist teilweise drei Jahre alt. Zwischenzeitlich hat der Problemdruck auf dem Ausbildungsmarkt spürbar abgenommen, wenngleich diese Region immer noch weit von einem auswahlfähigen Ausbildungsstellenangebot entfernt ist.
Hinter einigen regionalen Indikatoren bzw. Kennzahlen für die Bildungssituation muss ein Fragezeichen gesetzt werden.
Natürlich ist jede Untersuchung nur eine Momentaufnahme. Aber die regionale Bildungssituation ändert sich nicht monatlich. Selbst im Jahresvergleich ändert sich nur wenig. Neu ist das Ranking der Regionen. Das wurde in der Vergangenheit aus politischen Gründen systematisch verhindert, so geschehen im Datenband zum Berufsbildungsbericht 2010 der Bundesregierung.
Sortiert man die BIBB-Tabellen manuell, dann wird deutlich, dass die "Momentaufnahmen" im Lernatlas für 2009 auch 2010 bestätigt wurden. Von 176 Arbeitsmarktregionen belegt Paderborn Rang 95, Bielefeld Rang 128, Herford Rang 161 und der Kreis Lippe ist wieder Schlusslicht in OWL mit Rang 168.

Warum die regionale Empörung?

Das schlechte Abschneiden von OWL kommt nicht überraschend. Die Bertelsmann-Stiftung hat ja keine eigenen Daten erhoben, sondern vorhandene Untersuchungen ausgewertet und zusammengefasst. Insofern überrascht nicht das Ergebnis, sondern die regionale Empörung.

Dass in dieser Region Ausbildungsplätze fehlen und dadurch das Lehrstellenangebot nicht auswahlfähig ist, das ist seit Jahren bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass zu viele Schüler ohne Hauptschulabschluss die Schulen verlassen und die Warteschleifen in der Beruflichen Bildung für viele Absolventen keinen zählbaren Erfolg bringen. Die Abiturientenquote ist gerade in den ländlichen Kreisen zu gering.

Neu an dem Lernatlas ist jedoch die Berücksichtigung von unterschiedlichen Dimensionen des Lernens vor Ort, wie z.B. Soziales Lernen. Auf der anderen Seite verursacht der Lernatlas dadurch regionale Unschärfen, die den wissenschaftlichen Wert teilweise in Frage stellen können.

Auffällig ist, dass ausgerechnet die Kreise besonders schlecht abschneiden, die sich schon früh versucht haben sich als Bildungsregion zu profilieren, wie die Kreise Herford und Lippe mit eigenen Bildungsbüros. Ist hier ist der Blick fürs Ganze verlorengegangen? Haben Kleinstaaterei und Kirchturmpolitik zu dem Ergebnis geführt oder sind diese Kreise Opfer der Untersuchungs-Arithmetik?

Es gibt genug Beispiele für gescheiterte Regionalprojekte in den Kreisen, wie z.B. die Einrichtung von vollzeitschulischen Bildungsgängen mit abschließender Kammerprüfung an den Berufskollegs. Sie haben sich als untaugliches Mittel erwiesen, den unversorgten Bewerbern um Ausbildungsstellen eine Alternative zu bieten. Von den angebotenen Plätzen konnten lediglich 10% besetzt werden.