Ausbildungsbilanz 2012

DGB zum Berufsbildungsbericht 2013

Viele Lehrstellen unbesetzt und trotzdem: Jede_r dritte Bewerber_in findet keinen Ausbildungsplatz!
Zur Beratung des Berufsbildungsberichts 2013 im Bundeskabinett erklärte Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, am Mittwoch in Berlin:

„Davon, dass keine Lehrlinge mehr zu finden sind, kann keine Rede sein. Jeder dritte Bewerber, der nach den Kriterien der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausbildungsreif ist, hat keinen Ausbildungsplatz bekommen. Diese Jugendlichen werden in Warteschleifen – wie Praktika, Einstiegsqualifizierungen, schulischen oder berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit – ‚geparkt’. Immerhin 76.000 dieser jungen Menschen suchen trotz ‚Warteschleife’ weiter aktiv einen Ausbildungsplatz. Rein rechnerisch hätte somit jede offene Lehrstelle doppelt besetzt werden können. Wer Jugendlichen suggeriert, sie bewegten sich auf einem entspannten Ausbildungsmarkt, macht ihnen falsche Hoffnungen.

Vor allem junge Hauptschüler haben es schwer. Die Hälfte der Ausbildungsberufe ist für Menschen mit Hauptschulabschluss faktisch abgeschottet. Die Unternehmen müssen deshalb ihr Einstellungsverhalten ändern und jungen Menschen mit schlechteren Startbedingungen echte Chancen einräumen.

Es ist richtig: einzelne Branchen haben große Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Dies gilt insbesondere für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Gerade in dieser Branche aber findet man auch die schlechtesten Ausbildungsbedingungen. Fast jeder zweite Ausbildungsvertrag wird hier gelöst, Azubis verdienen besonders wenig Geld und fallen überdurchschnittlich oft durch die Prüfungen. Branchen, die für Jugendliche aber wieder attraktiv werden wollen, müssen ihnen gute Ausbildungsbedingungen, eine bessere Bezahlung und gute Perspektiven bieten.“

Zur Information:

Die unten stehende Statistik zeigt, dass von den 824.626 jungen Menschen, die im Laufe des Berichtsjahres 2012 ein ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung hatten – und als „ausbildungsreif“ deklariert wurden – lediglich 551.271 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben. Damit haben nur 66,9 Prozent dieser jungen Menschen einen Ausbildungsplatz gefunden.

Berichtsjahr 2012

Junge Menschen mit Ausbildungsvertrag: 551.271
Bewerber in Warteschleifen mit Vermittlungsauftrag: 60.379
Bewerber in Warteschleifen ohne Vermittlungsauftrag: 107.393
Bewerber, deren Verbleib nicht bekannt ist: 89.933
Offiziell unversorgte Bewerber: 15.650
INSGESAMT AUSBILUNGSINTERESSIERTE: 824.626

Weniger Lehrstellen: Ausbildungsbereitschaft sinkt

Trotz der demographischen Entspannung bleibt die Lage auf dem Ausbildungsmarkt enttäuschend. Die Wirtschaft hat 2012 kaum die Chance genutzt, um junge Menschen auszubilden, die bisher keine Chance
hatten. Im Gegenteil, das Ausbildungsengagement der Unternehmen hat einen historischen
Tiefstand erreicht: Die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist auf Bundes-, Landes- und auch in Ostwestfalen-Lippe gefallen. Dies bedeutet im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 3,3 Prozent (Bund),
1,9% (NRW) bzw. 3,2% (OWL).

Der Berufsbildungsbericht 2013 der Bundesregerung zieht Bilanz: Zum 30. September 2012 gab es zumeist auf allen Ebenen mehr unbesetzte Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber/innen. Dabei fällt sowohl die Zahl der unversorgten Bewerber/innen als auch die Zahl der unbesetzten Stellen zumeist höher aus als im Vorjahr. Diese Darstellung schönt jedoch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. So werden nicht alle Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, als Bewerber/innen in der offiziellen Statistik gezählt. Jugendliche, die nach dem Profiling der Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht als „ausbildungsreif“ deklariert werden, erhalten keinen Bewerberstatus und fallen aus der offiziellen Ausbildungsbilanz somit gänzlich heraus. Auf diese Weise wird die Ausbildungsbilanz geschönt.

Der Ausbildungspakt rechnet zudem auch Jugendliche als „versorgt“, die von der BA als „ausbildungsreif“ eingestuft wurden und trotzdem in Ersatzmaßnahmen (Praktika, Einstiegsqualifizierungen, berufsvorbereitende Maßnahmen etc.) einmündeten. Von diesen Jugendlichen haben aber auf Bundesebene allein 2012 60.379 junge Menschen der BA angezeigt, dass sie aktuell noch einen Ausbildungsplatz suchen. Um ein realistischeres Bild der Lage auf dem Ausbildungsmarkt zu bekommen, müssten nach Auffassung der Autoren des Nationalen Bildungsberichts zumindest diese Jugendlichen als unversorgt eingestuft werden. Damit sind allein 2012 insgesamt 76.029 Bewerber/innen ohne Ausbildungsplatz geblieben – und das bei 33.275 offenen Plätzen. Schon nach dieser Statistik übersteigt die Nachfrage das Angebot an Ausbildungsplätzen um mehr als das Doppelte.

Zudem bleiben auf Bundesebene 107.393 Jugendliche, die den Bewerberstatus erhalten haben, ohne Ausbildungsvertrag. Sie sind ebenfalls in Warteschleifen gelandet, haben der BA aber nicht angezeigt, dass sie einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) geht davon aus, dass diese Jugendlichen ihren Ausbildungswunsch für das laufende Jahr nur aufgeschoben haben. Das heißt: Auch diese Jugendlichen sind noch nicht adäquat „versorgt“.
Im Ausbildungsjahr 2012 gab es auf Bundesebene 89.933 junge Bewerber/innen, deren Verbleib aus Sicht der BA unbekannt ist.

Ein realistischer Blick auf die tatsächliche Lage auf dem Ausbildungsmarkt lässt sich deshalb mit der Kategorie der ausbildungsinteressierten Jugendlichen erfassen, die ebenfalls vom BIBB entwickelt wurde. Sie setzt sich zusammen aus der Zahl der neuen Ausbildungsverträge sowie der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zwar den Bewerberstatus erhalten haben, aber keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Diese Statistik zeigt, dass auf Bundesebene von den 824.626 jungen Menschen, die im Laufe des Berichtsjahres 2012 ein ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung hatten – und als „ausbildungsreif“
deklariert wurden – lediglich 551.271 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben. Damit haben nur 66,9 Prozent dieser jungen Menschen einen Ausbildungsplatz gefunden.

(Quelle: DGB-Bundesvorstand (Hrsg.):Votum der Gruppe der Beauftragten der Arbeitnehmer zum Entwurf des Berufsbildungsbericht 2013, 13.3.2013)

Daten und Fakten zur Ausbildungsbilanz 2012 mit allen Regionaldaten für OWL finden Sie hier...