Kreis Lippe

Hat die Region weiterhin die Rote Laterne?

Eine wesentliche Ursache für das schlechte Abschneiden der OWL-Kreise im Lernatlas der Bertelsmann-Stiftung waren die Ergebnisse im Bereich "Berufliches Lernen". Kein Landkreis in OWL schaffte es in die obere Tabellenhälfte. Der Kreis Lippe belegte auch in diesen Bereich den letzten Platz in Deutschland. Dieses Ergebnis hat die Kritik der regionalen Akteure herausgefordert:
"Die Studie ist eine statistische Momentaufnahme, die keinerlei Entwicklung und Erfolge berücksichtigt", so der Vorsitzende der Lippe Bildungs eG, Marcus Rempe in der LZ. Landrat Heuwinkel: "Von 1000 unversorgten Jugendlichen im Juni 2011 konnte die Zahl bis September auf 97 reduziert werden. Und auch diese Jugendlichen werden weiter beraten und betreut und erhalten ein konkretes Angebot. (...) Wir haben an unseren Berufskollegs zahlreiche Strukturen geschaffen, um unversorgte Jugendliche aufzufangen, die dort auch eine Kammerprüfung ablegen."
Ob diese Aussagen einer empirischen Prüfung standhalten, wird sich zeigen.

Berechtigt ist aus unserer Sicht in jedem Fall die Kritik an der Aktualität der Datenbasis des Lernatlasses. Im Bereich "Berufliches Lernen" wurde die Situation ausgerechnet im Krisenjahr 2009 gemessen. Steht der Kreis Lippe im Bereich der Beruflichen Bildung aber heute besser da als 2009?
Die nun veröffentlichten amtlichen Daten von it.nrw und dem BIBB in Bonn geben keinen Anlass zur Entwarnung und bestätigen das schlechte Abschneiden im Lernatlas.
Im Vergleich zum Jahr 2010 rutscht der Kreis Lippe (=Arbeitsagenturbezirk Detmold) von Platz 168 auf Platz 170, Paderborn von Platz 95 auf 118 und der Arbeitsgenturbezirk Herford von Platz 161 auf den letzten Platz 176 in Deutschland. Lediglich Bielefeld verbessert den Rangplatz geringfügig (128 auf 122). Den Pressebericht in der NW vom 6.1.2012 finden Sie hier... [551 KB]
Zwischenzeitlich hat das BIBB weitere Daten veröffentlicht. Die Auswertung und Zeitreihen von 2001 bis 2011 finden sie hier... [38 KB]

Aufschwung geht am Kreis Lippe vorbei

Im Kreis Lippe wurden im Berufsbildungsjahr 2011 (Oktober 2010 bis September 2011) insgesamt 2257 Berufsausbildungsverträge neu abgeschlossen. Das waren 46 Ausbildungsverträge mehr als im Vorjahr (+2,08%). Dieser Zuwachs liegt unter dem Landesdurchschnitt von +3,5% und weit unter dem Durchschnitt in OWL (+6,4%).
Der Wirtschaftsausschwung hat sich demnach auf dem Ausbildungsstellenmarkt in Lippe kaum ausgewirkt. Zur Erinnerung:
Das Krisenjahr 2009 hatte deutliche Spuren auf dem Ausbildungsmarkt hinterlassen (-186). Auch für 2010 wurde nochmals ein Rückgang von 37 neuabgeschlossenen Ausbildungsverträgen registriert. Gemessen an diesem Einbruch ist der Zuwachs von 46 Ausbildungsverträgen kaum der Rede wert.
Dies hat nun wiederum Auswirkungen auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsstellenmarkt. An dieser Stelle wird nun leider eine Zahl in die Diskussion eingebracht, die im Bereich der Bildungsforschung als nicht seriös gilt: Die Zahl der "unversorgten Bewerber ohne Alternative". Diese Zahl hat schon immer Dunkelziffer-Debatten ausgelöst. Wir haben an anderer Stelle über die bekannte Zahlentrickserei und das Frisieren von Statistiken berichtet. mehr...
Folgt man der amtlichen Statistik, dann ist die Zahl der "unversorgten Bewerber ohne Alternative" von 136 (2010) auf 97 (2011) zurückgegangen. Dies führt im Ergebnis zu einem "Überangebot" an Ausbildungsstellen gemessen an der Nachfrage (Angebots-Nachfrage-Relation -alt- von 101,02).
Sowohl Landrat Heuwinkel, als auch Herr Rempe von der Lippe Bildung eG verkaufen diese Entwicklung als Erfolg der Bildungregion Lippe. (PM Kreis Lippe 27.11.2011). Sie liegen mit dieser Einschätzung falsch, weil die unversorgten Bewerber im sog. Übergangssystem nicht berücksichtigt wurden und es folglich erheblich mehr Bewerber gibt die eine Ausbildungplatz haben wollten und haben sollten.
Deshalb hat das BIBB ab 2007 auch die Bewerber statistisch erfasst, die eine zwar eine Alternative zum 30.9 haben aber dennoch weiter eine Ausbilldungsplatz suchen (unversorgte Bewerber mit Alternative/ Angebots-Nachfrage-Relation -neu-). Dadurch werden erstmals schulische Warteschleifen und berufsvorbereitende Maßnahmen besser erfasst. Der Erfolg dieser Maßnahmen steht schon längerer Zeit in der Kritik. mehr...

Eine Auswertung differenzierter Daten zu den "Warteschleifen" zeigen, dass
- fast über die Hälfte der Bewerber über mindestens einen Realschulabschluss verfügt,
- 69% der unvermittelten Bewerber vorher ein Berufskolleg besucht hat.

Die amtliche Statistik des BIBB zeigt, dass sich seit 2007 jedes Jahr über 500 Bewerber in dem sog. Übergangsystem befinden. Für 100 Bewerber um einen Ausbildungsplatz standen demnach im Kreis Lippe nur 82 Ausbildungsstellen zur Verfügung (ANR -neu-:81,94). Der Kreis Lippe belegt mit diesem Ergebnis Platz 170 von 176 in Deutschland!

Eine interessante Studie zur Qualität der Warteschleifen an den Berufskollegs im Kreis Lippe aus dem Jahr 2008 finden Sie hier... [371 KB]

Die Zeitreihe 2001 bis 2011 für den Ausbildungsstellenmarkt Lippe finden Sie hier... [14 KB]
Die Ranking-Tabelle für 2011 finden Sie hier... [49 KB]

Fazit: Der wirtschaftliche Aufschwung ist im wesentlichen am lippischen Ausbildungsstellenmarkt vorbei gegangen. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage und damit auch die Auswahlfähigkeit des Lehrstellenangebots ist immer noch vergleichsweise schlecht.
Das bedeutet auch, dass eine Fortschreibung der Ergebnisse des Lernatlasses im Bereich "Berufliches Lernen" zu keiner wesentlichen Verbesserung im Ranking der Kreise führen wird. In den Blick genommen werden müssen dringend die "Warteschleifen" an den Berufskollegs.

Berufsausbildung in Lippe 2001 - 2011

Handwerk -20%, Industrie + 6%

Angebot und Nachfrage

Bewerber in sog. "Warteschleifen"

Schulabschluss der Bewerber mit Alternative

Von welcher Schulform kommen die Unvermittelten?