Schulabgänger ohne Abschluss

Ursachenforschung

Warum verlassen mehr als ein Drittel der Schulabgänger der Berufskollegs diese Schulform ohne Abschluss, obwohl das Wiederholen einer Klasse für die meisten Bildungsgänge am Berufskolleg vorgesehen ist?
Das erste Gegenargument das gerne von Schulleitungen vorgebracht wird: Die Daten stimmen nicht. Viele "Abbrecher" sind "Bildungsgangswechsler", z.B. weil sie einen Ausbildungsplatz erhalten haben. Ein Beispiel für solche Deutungsmuster aus dem Kreis Lippe:
"Die Analysen aus der amtlichen Berufsschulstatistik weisen einen relativ hohen Anteil von Abgängern „ohne Abschluss“ auf. Insgesamt trifft dies (mit variierenden Anteilen in den einzelnen Schulformen und Bildungsgängen) für knapp ein Drittel der Abgänger an den Berufskollegs des Kreises zu. Bei genauerem Hinsehen fallen unter die „erfolglosen“ Abgänger aber auch alle Schüler/-innen, die den begonnenen Bildungsgang vorzeitig verlassen, um eine duale Ausbildung zu beginnen, in eine berufsvorbereitende Maßnahme einzutreten oder den Bildungsgang oder die Schule zu wechseln."

Dazu schreibt das statistische Landesamt it.nrw auf Anfrage: "Richtig ist, dass die Schulabgänger erst nach Beendigung des besuchten Bildungsganges als solche gezählt werden. Die versetzten Schüler ins nächst höhere Ausbildungsjahr werden nicht als Abgänger erfasst.
Die Anzahl der Schulabgänger ohne Abschluss sind tatsächlich all diejenigen, die das jeweilige Bildungsziel nicht erreicht haben.
Im dualen System haben allein auf Landesebene rd. 28.000 Schülerinnen und Schüler das Berufskolleg ohne Abschluss verlassen, in Klassen für Schüler/-innen ohne Berufsausbildungsverhältnis sind es rd. 19.000 gewesen"
.
"Schüler aus Klassen ohne Ausbildungsvertrag, die den Bildungsgang wechseln und z.B. eine duale Ausbildung anfangen, werden als Abgänger ohne Abschluss gezählt. Im "neuen" Bildungsgang werden sie dann als Neuzugänge gezählt."

Hierzu ist jedoch anzumerken, dass nur sehr wenige Schüler aus Klassen ohne Ausbildungsvertrag den Bildungsgang wechsel, z.B. weil Ihnen die Eingangsvoraussetzungen fehlen (z.B. Hauptschulabschluss).

Die empirische Relavanz der sog. "Schul- und Bildungsgangswechseler" zur Erklärung der errechneten Misserfolgsquoten der Berufskollegs wurde bislang nirgendwo mit belastbaren Daten belegt.

Dieses Manko kann auch für ein anderes Erklärungsmuster unterstellt werden: Die hohen Misserfolgsquoten sind das Ergebnis einer nicht genutzten oder nicht gewollten 2. Chance für die Erfolglosen. Soll heißen: Die Berufskollegs verweigern den Erfolglosen das Wiederholen einer Klasse mit dem Hinweis auf die "Erfüllung der Berufsschulpflicht". Auch hierzu gibt es bislang keine belastbaren Daten.

Die Fragen zu den Ursachen des schulischen Misserfolgs lassen sich aber nicht nur durch statistische Auswertungen beantworten. Hier sind auch qualitative Analysen (Fallstudien) gefragt, die die Übergangsprozesse offenlegen und deutlich machen ob und wie eine individuelle Förderung tatsächlich stattfindet.

Exemplarisch sei hier auf zwei Untersuchungen hingeweisen:

1) Der BIBB-Report 11/2009 untersucht die Maßnahmen des sog. "Übergangssystems" im Hinblick auf deren Wirksamkeit. mehr... [401 KB]
2) Abschlussbericht zur Analyse des Übergangssystems (einjährige Bildungsgänge an den lippischen Berufskollegs) Schule – Beruf im Kreis Lippe aus dem Jahr 2008 von Ulrike Künnemann. mehr... [406 KB]
Eine kommentierte Zusammenfassung der Studie finden Sie hier... [30 KB]