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Generation in der Warteschleife

Immer weniger Schulabgänger finden eine Lehrstelle und durchlaufen dafür eine sog. "Warteschleife" in einem sog. "Übergangssystem". Dieses System ist "unter qualifikatorischen Gesichtspunkten" weitgehend nutzlos. Der Name dieses Systems ist eine "ganz offensichtlich beschönigende Verlegenheitsbezeichnung für den sozialpolitisch skandalösen Dschungel von ´Warteschleifen´in dem die überschüssige Nachfrage nach betrieblichen Ausbildungsplätzen von der offiziellen Berufsbildungspolitik seit Jahren geparkt wird", so GREINERT (2007, S.3).
"Zahlreiche Jugendliche vagabundieren durch Maßnahmekarrieren und machen noch vor dem Einstieg in den Beruf und Arbeit die Erfahrung, dass sie nicht gebraucht werden", kritisiert EULER (2005, S. 205)
Nach einer Untersuchung im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung landen 40% der Jugendlichen die eine berufliche Ausbildung anstreben nicht in einem Betrieb, sondern in staatlich finanzierten Übergangsmaßnahmen. Dazu zählen alle berufsvorbereitenden Maßnahmen der Arbeitsagenturen die Defizite der Bewerber beheben sollen, Einstiegsqualifizierungen und Praktika sowie schulische Maßnahmen an den berufsbildenden Schulen (in NRW Berufskollegs). Strittig ist, welche Bildungsgänge die Funktion einer Warteschleifen haben. "Im Sinne dieses angestrebten Erfolgs erwarte ich auch einen differenzierteren Umgang mit dem Begriff der „Warteschleife“. Wer z. B. mit Ausbildung noch überfordert wäre, jedoch mit einer berufsvorbereitenden Maßnahme genau das findet, was er braucht, der ist definitiv nicht in einer „Warteschleife“ gelandet!" so der Präsident der IHK-Vereinigung NRW Gerd Pieper.
Es ist in der Tat sehr schwierig eine exakte Definition des Begriffs "Warteschleife" zu formulieren. In einem internen Papier des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) in NRW heißt es dazu:
"Als Jugendliche in Warteschleifen zwischen allgemein bildender Schule und Ausbildungssystem werden im Allgemeinen diejenigen Jugendlichen angesehen, die trotz Ausbildungsreife und Ausbildungswillen keinen Ausbildungsweg (duale Ausbildung, schulische Ausbildung, Hochschulausbildung) beschritten haben.
Als nicht in Warteschleifen sind dagegen Jugendliche anzusehen, die sich in ausbildungsfördernden Maßnahmen befinden mit dem Ziel, die Ausbildungsreife zu erlangen (z. B. BvB) oder Jugendliche, die vor Ausbildungsbeginn ihre Qualifikation verbessern wollen (z. B. BFS-Besuch)
"
Das MAGS veranschlagt die Anzahl von ausbildungsreifen Schülerinnen und Schüler die für das Schuljahr 2006/2007 an Stelle eines Ausbildungsplatzes im Rahmen der dualen Ausbildung einen schulischen Bildungsgang an den Berufskollegs besuchen mit 47200.
Damit ist der Umfang der "Warteschleifen" an den Berufskollegs in NRW erstmals quantifiziert und strukturiert worden:
- Klassen für Schülerinnen und Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis (Teilzeit) (Anrechnung: 1/3 ausbildungsreif) ergibt:11.900
- Berufsgrundschuljahr (Vollzeit) (Anrechnung: ca. 70 v. H. ausbildungsreif) ergibt:11.900
- Zweijährige und dreijährige Berufsfachschule, ohne Berufsabschluss nach Landesrecht (Vollzeit) ergibt: 15.400
- Einjährige Berufsfachschule für Abiturienten (Vollzeit) (Anrechnung 100 v.H.) ergibt: 900
- Einjährige Berufsfachschule für Schülerinnen und Schüler mit Mittlerem Schulabschluss (FOR) (Vollzeit) (Anrechnung 100 v.H.) ergibt: 6.300
- Einjährige Fachoberschule (Vollzeit) ergibt: 800
Die AUTORENGRUPPE BILDUNGSBERICHTERSTATTUNG (2008, S. 97), die den aktuellen Bildungsbericht von Bund und Länder herausgibt, zählt zum Übergangssystem die teilqualifizierenden Berufsfachschulen (z.B. Höhere Handelsschulen), die schulische Berufsvorbereitung und das Berufsgrundschuljahr, berufsschulischer Unterricht für Schüler ohne Ausbildungsvertrag sowie die berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit einschließlich der Einstiegsqualifizierung (EQ).
Folgt man Vertretern des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), dann müssen auch die Fachoberschulen zum Übergangssystem gezählt werden, weil sie von einem substantiellen Teil der Jugendlichen mit mittleren Abschluss als Ausweichalternative nach erfolglosen Ausbildungsplatzbewerbungen genutzt werden. (ULRICH 2008, S.2)