Berufliche Bildung Offline

Deutliche Schwächen bei der Digitalisierung

Eine Studie der Bertelmann-Stiftung zeigt:
Berufsschulen als eine tragende Säule des dualen Systems arbeiten mit ihrem Unterricht nicht auf der Höhe der Zeit und „hinken bei Thema Digitalisierung hinterher“. Es wird vorrangig nach „alten“ pädagogischen Konzepten gearbeitet. (Dazu gehört z.B. der alt bekannte Frontalunterricht.)

„Anstelle eines Lehrfilms auf DVD kommt heute das „YouTube“-Video oder Ähnliches zum Einsatz (84 Prozent); die PowerPoint-Präsentation ersetzt den Overheadprojektor, anstatt Kopien werden PDFs genutzt (83 Prozent).“

Dadurch kommen jedoch nach Ansicht der Autoren der Studie die Potentiale des digitalen Lernens kaum zur Geltung: „Alte didaktische Ansätze zu digitalisieren reicht nicht aus.“

Digitales Lernen darf kein Privileg der IT-Berufe werden, fordert die Gütersloher Studie. Ausbildungsberufe im kaufmännischen Bereich sowie im Segment Gesundheit und Soziales liegen deutlich zurück. Rund ein Drittel der Lehrkräfte stehen digitalen Medien ohnehin kritisch gegenüber, wobei sich kritische Einstellungen deutlich häufiger bei den älteren und bei weiblichen Lehrkräften zu finden sind. Sie lehnen z.B. Smartphones in und für den Unterricht ab, nicht zuletzt weil sie darin ein erhebliches Stör- und Ablenkungspotential sehen.

Offensichtlich stehen die 1,34 Millionen Auszubildenden in Deutschland der digitalen Welt viel offener gegenüber als Ausbilder oder Berufsschullehrer. Sie wünschen sich von ihrer Berufsschule einen stärkeren Einsatz digitaler Medien. 85% der Befragten Berufsschüler sagen, Lehrer sollten «häufiger etwas Neues mit digitalen Medien ausprobieren«.

Das Arbeiten mit Lernmanagementsysteme oder Selbstlernprogrammen bildet eher die Ausnahme. Auch dadurch werden benachteiligte Gruppen mit einen niedrigen Schulabschluss nicht erreicht. Die Studie belegt: Internet-Recherchen, Lernspiele, Apps und das Erstellen eigener Inhalte sind für diese Zielgruppen attraktiv und könnten zu Motivation schwächerer Schüler beitragen.

Die Defizite gelten im Wesentlichen auch für die untersuchten Ausbildungsbetriebe. Dort ist digitales Lernen noch deutlich weniger entwickelt als in den Berufsschulen. Der Studie zufolge setzten 32 Prozent der Betriebe Selbstlernprogramme und 18 Prozent internetgestützte Trainings ein.

Ein weiterer Kritikpunkt der Studie betrifft die Ausstattung der Berufsschulen. An vielen der 9000 Berufsschulen in Deutschland sind zwar Whiteboards und PCs vorhanden, aber nur jede dritte verfügt über einen brauchbaren drahtlosen Internetzugang (WLAN), so die Bildungsforscher. Innovation in der Berufsausbildung scheitert vor allem an mangelnden Kompetenzen und Ressourcen.

Berichte aus der Region bestätigen dies: „Lahmes Internet, virenverseuchte PCs, veraltete Software“ kritisieren Schüler. „Mit Windows-XP-Rechner auf denen 15 Jahre alte Office-Versionen laufen kann man Auszubildende nicht auf die digitale Zukunft vorbereiten“, so ein betroffener Lehrer.

»Digitales Lernen braucht gute Infrastruktur und Qualifizierung. Ohne zuverlässiges WLAN kann pädagogische Innovation nicht funktionieren. Ohne Fortbildungen für Berufsschullehrer und Ausbilder bleibt zu viel Potenzial der Digitalisierung ungenutzt«, so der Leiter der Bertelsmann-Stiftung Jörg Dräger.

Die Organisation und Sicherstellung eines verlässlichen Betriebs der IT an den Schulen, ist an laut der Bertelmann-Studie vielen Schulen ein „Flaschenhals-Problem“, weil sich Schulleitungen nur auf einigen wenige Lehrer stützen können:

„Letztlich hängt alles vom Engagement der Lehrer ab. Es gibt zwar ein Lehrdeputat von einer Stunde, aber eigentlich arbeiten sie dafür zehn Stunden. Wenn dann der eine Lehrer die Schule verlässt, gibt es ein ganz großes Problem. Dann crasht das alles“, so wird eine Vertreter eines Schulträgers zitiert.

Über die Hälfte der Schulen beauftragen laut der Studie deshalb zur Unterstützung externe Mitarbeiter.

Fachleute aus der Region bestätigen die Kritikpunkte, nehmen aber stärker die Rolle der Kommunen als Schulträger in den Blick. Diese sind zuständig und verantwortlich für die Ausstattung:

„Die Schulträger sind verpflichtet, die für einen ordnungsgemäßen Unterricht erforderlichen Schulanlagen, Gebäude, Einrichtungen und Lehrmittel bereitzustellen und zu unterhalten (…) und eine am allgemeinen Stand der Technik und Informationstechnologie orientierte Sachausstattung zur Verfügung zu stellen.“ heißt es §79 des Schulgesetzes in NRW.

Aber der Teufel steckt auch im Detail. Viele Schulträger sind offensichtlich fachlich oder finanziell nicht in der Lage Hard- und Software für eine Benutzerverwaltung des Schulnetzwerks bereitzustellen und zu administrieren. Es gibt noch zu viele „Bastel-Lösungen“, bei denen alle Schüler nur einen Benutzernamen haben oder z.B. die IT des Schulträgers Zugangsberechtigungen verwaltet und Kennwörter per Mail an Schüler schickt. „Das ist pädagogisch nicht sinnvoll, entspricht nicht den Anforderungen des Datenschutzes und verhindert die Bereitstellung eines sicheren WLANs“, so ein externer Mitarbeiter einer Support-Firma für Schulnetze.